Strategie Aussitzen: Wie Politiker an der Macht bleiben

www.dw-world.de
20
Januar 2012
17:33

Philipp hat in seinem Buch “Persönlich habe ich mir nichts vorzuwerfen” 250 Rücktrittsfälle von Politikern aus 60 Jahren deutscher Geschichte untersucht. Mal zeigten die Volksverteter mehr, mal weniger Sitzfleisch.

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Wie lange ein Skandal ausgesessen werden kann ist demnach also keine Entscheidung des Politikers selbst. Er ist Philipp zufolge hauptsächlich abhängig von der Meinung seiner Parteikollegen. Und dazu muss er schon Jahre zuvor ein gutes Netzwerk in seiner Partei aufgebaut haben.

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Medienberichte ausblenden, Kritik abprallen lassen, auf Zeit spielen. Mit diesen Strategien kann ein Skandal bewältigt werden, selbst in Zeiten des Internet, meint der Historiker Philipp.

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“Führungskräfte generell haben die Erfahrung gemacht, dass sie Erfolg haben. Und Erfolg ändert Menschen. Sie glauben, sie kriegen alles hin. Dieser Gestaltungsoptimismus und Überlebensoptimismus hält erstmal eine ganze Weile.”

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Philipp fordert letztlich eine andere Rücktritts-Kultur in Deutschland, denn wenn Vorwürfe begründet seien, müsse auch die Konsequenz gezogen werden.

meint dazu:

Viele Alternativen zum Aussitzen ihrer Probleme oder Skandale haben Politiker dem Autor Historiker Michael Philipp gemäß nicht. Neben dem Rücktritt hilft ihnen daher am ehesten die Zeit und das stets wachsende Gras. Wir kennen das von vielen politischen Persönlichkeiten der Vergangenheit zur Genüge.

Den längsten Atem besaß laut Philipp der ehemalige Ministerpräsident von Brandenburg Manfred Stolpe. Dagegen besetzt Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl die Position des Paradebeispiels eines Aussitzers. Der Fall Christian Wulff dagegen ist nur einer von vielen, wenngleich er mit Sicherheit einer der dreistesten Kandidaten im Aussitzen repräsentiert.

An diesem Beispiel können wir die Behauptung Philipps hervorragend verifizieren, dass die Zugehörigkeit zu einer Partei und deren Entscheidung auf Unterstützung oder Missgunst über das mögliche Ende jeder politischen Karriere entscheidet. Angela Merkel hievte Wulff persönlich in sein Amt und würde nun durch seinen Rücktritt erheblichen persönlichen Schaden für sich und die CDU davontragen. Also bleibt Wulff und sitzt aus, obwohl das Volk bereits vor dem Schloss tobte.

Es ist ein Trauerspiel. An keiner Stelle geht es um die Würde oder die Verantwortung hinter dem jeweiligen Amt solcher Leute. Immer nur ist es die Macht von Parteien und Lobbygruppen, welche darüber entscheidet, was der gemeine Pöbel vorgesetzt bekommt. Selbst die Medien sind dabei oft genug mit von der Partie.

In Anbetracht dieser ernüchternden Tatsachen stellt sich die Frage, inwiefern eine ganz neue Partei die bekannten Missstände in dieser Bananenrepublik überhaupt beseitigen könnte. Viele Systemkritiker machen sich nämlich genau dafür stark. Doch ohne den notwendigen Filz läuft hier offensichtlich nicht viel. Aber genau der soll ja eigentlich verschwinden. Daher hilft in Wahrheit keine noch so motivierte und unverbrauchte Partei, sondern nur noch eine echte Revolution.

Wie lange es bei Theodor von und zu Guttenberg noch dauern wird, bis seiner Ansicht nach die Grasnarbe hoch genug gewachsen ist, wird sich zeigen. Heute zumindest hat er einer Rückkehr auf die politische Bühne zur Wahl 2013 eine Absage erteilt. So bleibt uns wenigstens einer dieser Lügner und Betrüger erspart.

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Ein Leserkommentar zum Artikel:

  • Klaus

    Also, richtig ändern kann sich das nur, wenn es solche Neuanfänge wie 1945 gibt – anders nicht.

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